60. Ich bin dann mal auf Twitter

29. April 2020

Solange ich Vorsitzende des deutschen Vereins „Baobab Children Foundation e.V.“ war, habe ich einen Baobab-Blog geschrieben, immer mit der Hoffnung, dass die Voluntäre, die dort stets für ein Jahr in Ghana tätig waren, mir ihre Artikel zu schicken, die sie ja eh für „Weltwärts“, ihre Organisation, die sie nach Ghana geschickt hatte, schreiben mussten. Einige haben mir auch bereitwillig ihre Berichte für Weltwärts zur Verfügung gestellt, aber meist war ich doch die Schreiberin der Artikel.

Als klar wurde, dass ich mit meiner Familie nach 34 Jahren die Zelte in Stuttgart abbrechen werde und wieder in den Norden ziehen werde, habe ich begonnen, meine Eindrücke und Erlebnisse in einem Blog, nämlich in diesem hier, „Hamburg entdecken – erleben – erlaufen“, zu verarbeiten.

Nun lebe ich über 4 Jahre in Hamburg, bin hier angekommen, fühle mich hier zu Hause. Natürlich entdecke ich immer noch Neues, aber viel mehr erfreue ich mich inzwischen am Erkennen von bekannten Ecken, beim irgendwo Hinkommen und Erkannt-Werden. Aber der 2. Grund, warum ich diesen Blog gefüttert habe, waren meine Freund*Innen in Stuttgart. Ich wollte mit diesem Blog auch den Kontakt halten, was in der ersten Zeit auch ganz gut gelungen ist. Aber irgendwann kamen keine Rückmeldungen mehr, das Interesse hatte mit der Zeit nachgelassen, verständlich.

Anfang 2019 habe ich aufgehört, Artikel für diesen Blog zu schreiben. Heute schreibe ich noch einmal, falls sich jemand hierauf verirrt und wissen will, wie und wo er mich nun findet.

Bei Beginn der Corona-Krise war ich gerade 1 Woche zu Besuch bei den Stuttgarter Freundinnen, nachträglich betrachtet, war es noch einmal ein Bad im Kreis der Freundinnen, eine Woche lang ganz viele Kontakte zu einigen, wobei wir wegen Corona schon angefangen hatten, uns von größeren Versammlungen fernzuhalten, die Hände dauernd zu waschen und auch die Umarmungen waren schon gestrichen. Die teuren Karten für eine Queens-Veranstaltung im Theaterhaus haben wir lieber verfallen lassen, ein Glück!

Die.Zugfahrt Mitte März zurück nach Hamburg war schon etwas surreal: Wenige Mitfahrende im Zug, jeder schaute, dass er Abstand hielt, selbst der Zugbegleiter wollte fast nichts kontrollieren.

Mit der Rückkehr nach Hamburg war alles ganz anders: Ich betreute nun nicht mehr täglich 1-3 Stunden einen oder 2 meiner Enkel, wir hielten Abstand. Dafür übernahm ich einfach das Kochen der täglichen Hauptmahlzeit für die junge Familie und stelle nun immer um 17.30 ein gesundes und warmes Essen vor die Wohnungstür meiner Enkel und ihrer Eltern. Gleichzeitig begann ich meinen Tagesablauf zu strukturieren, dachte mir neue Aktivitäten aus für Dinge, die nun nicht mehr gingen und da ich ja immer so einen Drang zum Schreiben habe, begann ich dies im Notizbuch täglich festzuhalten.

Meinen Freundinnen habe ich Fotos und keine Berichte über Erlebtes geschickt, aber es ist umständlich, jede einzeln zu versorgen. Da fiel mir ein, dass ich ja seit einigen Jahren einen Twitter-Account habe, um lesen zu können, was meine grünen Freunde (so nenne  ich die Hamburger Grünen, wenn mich meine kleinen Enkelkinder fragen, wen ich abends so treffe,), so schreiben. Mit Corona habe ich angefangen, kleine Tweets und unverfängliche Fotos bei Twitter reinzusetzen, nichts Wichtiges, einfach mein Leben. Das gehört nun auch zu meinem strukturierten Leben mit Corona. Falls du Zeit und Lust hast, findest du mich auf Twitter unter dem Account:

@bibbuchholz

Du brauchst auch selbst keinen Account bei Twitter, kannst einfach dein Internet aufrufen und dann meinen Account eingeben. Dann kannst du lesen, was mich bewegt. Allerdings kannst du mir keinen direkten Kommentar schicken, das geht nur, wenn du auch bei Twitter bist.

Da ich vorhabe, mir die Corona-App runterzuladen, sobald sie fertig ist, denn ich will alles machen, um eine große Corona-Ausbreitung zu verhindern, also eine 2. viel größere    Welle, habe ich auch weniger Skrupel, bei Facebook u. Ä. meine Daten zu hinterlassen. Die Eindämmung von Corona ist mir für mich und alle anderen viel wichtiger.

Also wenn du willst, lass uns auf Twitter weiter Kontakt halten:

@bibbuchholz

Nr. 59: Bin ich jetzt ein Wunder oder soll ich mich nur wundern?

14. Januar 2019

Nun hat der Professor, der mir im November 2018 bescheinigt hat, ich hätte kein „A“, von mir die früheren ärztlichen Untersuchungsergebnisse vorgelegt bekommen. Ich war  im November davon ausgegangen, dass mein Orthopäde ihm diese zugesandt hätte, dass sie ihm also vorgelegen hätten, dem war aber nicht so.

Jetzt hat der Professor seinen Befund ergänzt und dabei den früheren Befund seiner Kollegen von 2016 bestätigt und gleichzeitig seinen gegenteiligen vom letzten November auch. So schreibt er, dass das „A“ in den MRT-Aufnahmen von 2016 zu erkennen ist, dass die Diagnose damals richtig war und gleichzeitig ergänzt er, dass es „aktuell keinen Hinweis“ mehr für ein „A“ im rechten Knie gäbe.

Also bin ich ein medizinisches Wunder!

Na, das wundert mich ja jetzt schon. Aneurysmen sollen sich nicht zurückbilden können. Aber wie immer muss man ja solche Diagnosen genau lesen. Jetzt also gibt es „aktuell keinen Hinweis“ mehr, da kann ja eine nächste Untersuchung schon wieder einen Hinweis geben.

Freund*innen, was mach ich jetzt? Soll ich das gleiche Spiel mit dem linken Knie auch durchziehen? Aber welchem Arzt soll ich noch glauben? Viellicht sollte ich auf die Ärzte pfeifen. Oder besser würfeln? Soll ich bis zum Frühsommer warten und dann an einer Wiesenblume zupfen: „Er liebt mich/er liebt mich nicht?“

Halt das war der falsche Abzählreim, es muss heißen: „Ich habe ein A/ich habe keins?“

Stand heute geh ich zu keinem weiteren Arzt. „Pfeif drauf!“, sag ich mir, sie werden sich nicht mehr festlegen. Jetzt trag ich die Kompressionsstrümpfe noch bis in den Frühsommer und wenn es dann richtig warm wird in HH, dann schmeiß ich sie vielleicht weg. Dann fahr ich auf Risiko und gleichzeitig auch wieder ans Meer und schwimme darin und sonne mich am Strand, mache Wattwanderungen in SPO, trage wieder kurze Röcke und kurze Hosen. Ich sehe mich schon mit einem Enkelkind im Freibad, mal mit dem älteren im Nichtschwimmerbecken, mal mit dem jüngeren im Babybecken.

Tschüss A’s, das war’s!

Nachtrag

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Nr. 58: Ein Aneurysma soll verschwunden sein – und keiner will mir das bestätigen

25. November 2018

Ich wollte euch ja mit meinen A’s, also über die beiden Aneurysmen, in meinem Knien nicht mehr behelligen, war ja auch langweilig.

Nun fragen mich Freund*innen aber an, wie es um meine A’s steht. Nun gerade jetzt weiß ich das selbst auch nicht. Irre, gibt es mein Aneurysma im rechten Knie überhaupt noch? Bin ich vielleicht ein medizinisches Wunder?

Ich bin ratlos und kein Arzt wagt eine Aussage, alle drucksen nur herum. Denn wenn sie bestätigen würden, dass mein Aneurysma im rechten Knie gegen alle medizinischen Erfahrungen verschwunden wäre, wohin auch immer, dann könnten ich oder meine Erben den Arzt wohl verklagen, falls dann doch ein Riss des A’s oder eine Lungenembolie mir schaden oder mich sogar töten könnten. Ist das nicht irre, ich bekomme jetzt eine total tolle medizinische Diagnose, keiner will sie bestätigen, keiner will mir sagen, schmeiß zumindest für das rechte Bein den unangenehmen Kompressionsstrumpf in die Ecke. Alle hüllen sich in Schweigen!

Die Hamburger Berge

Angefangen hatte alles damit, dass ich Anfang 2016 nach einer Wanderung durch die Hamburger Berge, sorry, Freund*innen in Süddeutschland, so werden hier im Flachland schon Hügel genannt, ein dickes Knie bekommen habe. Geboren bin ich ja in Berlin Kreuzberg, der Bezirk, der seinen Namen von dem Hügel dort bekommen hat: dem Kreuzberg, 56 Meter hoch und die einzige natürliche Erhebung der Stadt, der Teufelsberg zählt nicht mit, ist nur ein von der furchtbaren Nazi-Herrschaft zu verantwortender Trümmerberg mit all dem Berliner Schutt des 2. Weltkrieges, weiß vermutlich auch keiner mehr, der da seinen Kindern das Skifahren beibringt. Uns Kreuzberger Kindern wurde das in der Grundschule beigebracht, wir sollten wenigstens darauf stolz sein, gab damals nicht so viel anderes.

Kreuzberg

Aber mein Deutsch-Lehrer im Kreuzberger Gymnasium ist in meiner 7. Klasse mit uns über 3 nebeneinander liegende Friedhöfe am Südstern in Kreuzberg gelaufen und hat an vielen Grabstätten berühmter Männer (Frauen hat er nicht erwähnt) angehalten und einen Vers des Verstorbenen zitiert oder über den Schriftsteller erzählt. An Menschen jüdischen Glaubens kann ich mich nicht mehr erinnern, zumindest hat er nicht besonders darauf hingewiesen. Ich muss dem noch mal nachgehen.

Quarkwickel können nicht immer helfen

Als im Frühjahr 2016 wochenlange Quarkwickel, seht ihr, ich mach noch immer manches, was mir meine Oma gesagt hat, nicht geholfen haben, bin ich zu empfohlenen Ärzten und von denen weiter zu Spezialisten. Die Radiologin hat dann einen verschlissenen Innen-Meniskus festgestellt, worum ich mich aber gar nicht kümmern sollte, denn ich hätte ein großes Aneurysma in dem Knie.

Schließlich hat auch der Chefarzt Dr. Kuhlencordt der Asklepois Klinik Altona im März und im Dezember 2016 die Diagnose bestätigt:

„größenkonstantes Aneurysma der V. poplitea beidseits“.

Dazu gibt es Ultraschall-Fotos und sehr viele MRT-Aufnahmen.

2018 hat mir mein Innen-Meniskus deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mich nun doch mal um ihn kümmern muss, falls ich weiter viel laufen und trainieren will. Also wieder mit meinen Unterlagen zu einem empfohlenen Orthopäden in unserer Nähe und von dort aus zum Radiologen, sogar einem Professor, was immer das aussagen kann. Letzter kann nichts mehr im rechten Knie sehen, damit wäre ich ein medizinisches Wunder – nun ist Schweigen im Walde.

Meinem Innen-Meniskus wurde mit dem Messer zu Leibe gerückt

Schließlich habe ich mir meinen Innen-Meniskus letzte Woche zu Zweidrittel wegschneiden lassen, alles mit minimalinversiven Techniken. Ich lauf noch etwas vorsichtig, aber schon viel besser als in den letzten 3 Monaten. Ich mache Physiotherapie und werde auch alle 2 Tage wieder schwimmen gehen, sobald die Fäden gezogen sind und diese 2 kleinen Eingriffe verheilt sind und der Arzt sein OK gibt.

Aber bevor es im nächsten Sommer wieder heiß wird und mir diese engen Kompressionsstrümpfe zusetzen, mögen sich doch bitte mal die Ärzte einig werden, ob ich auf einen engen Strumpf vom Zeh bis zur Hüfte verzichten darf – und natürlich will ich das dann auch für das andere Bein wissen.

Ich sehe das positiv

Ich habe evtl. kein Aneurysma mehr im rechten Knie, das kann dann auch nicht platzen oder Ähnliches. Das wäre ja toll!! Ich bin seit kurzem in meinem 70.Lebensjahr und habe mehr Zukunftsperspektive als noch vor kurzem. Glückwunsch!

Nr. 57: Gar nicht so einfach, auf Plastikverpackungen zu verzichten

10. Juni 2018

Ich wollte Kleider leihen und so wenig wie möglich zur Kleiderproduktion beizutragen und auch, um weniger Ladenhüter in meinem Kleiderschrank hängen zu sehen

Die junge Firma „Kleiderei“ aus Hamburg hat vorerst ihr Geschäft eingestellt, eine der jungen Start-Up-Gründerinnen erwartet Nachwuchs, passt natürlich zu einer von jungen Frauen gegründeten Firma. Das ist echt schade, aber einen großen Glückwunsch für die baldige Mutter und alles erdenklich Gute für den/die baldige(n) Erdenbürger(in). Nun kann ich nicht mehr im Monatsrhythmus Kleider leihen und zurückgeben, sehr schade. Ich habe bald wieder meine Kaufzurückhaltung aufgegeben und  neue Kleider für diesen  Sommer gekauft, natürlich aus Baumwolle oder Leinen, wie immer nicht aus Polyamid, also nicht aus Plastik.

Ich kaufe doch kaum was aus Plastik – jedenfalls versuche ich es

Da sind wir beim Thema ‚Plastik’, welches mich schon seit den Segeltörns der 90er Jahre im Mittelmeer beschäftigt. Manchmal haben wir auf einem Törn an einer klitzekleinen unbewohnten Insel angelegt, wollten da nur ein Picknick machen, haben neben dem Essen unseren Grill mit auf die Insel genommen und ebenso Behältnisse, um nach dem Grillen allen (!) Abfall wieder mitzunehmen. Aber was mussten wir als Erstes am Strand wegräumen? Abfälle aller Art bis hin zu einzelnen Schuhen! Außer Holzplanken bestand fast alles aus Plastik und diese Produkte ließen nur einen Schluss zu: Das haben keine früheren Besucher auf der Insel liegen gelassen, all dieser Mist hatte schon einige Zeit im Meer verbracht und war an diese Insel angeschwemmt worden. Beim ersten Mal habe ich das nicht weiter beachtet, aber da sich das wiederholte, begann es irgendwann in meinem Kopf zu rattern:
Wie viele Lebensmittel kaufe ich in einer Plastikfolie oder Plastikschale?“
„Was passiert später damit?“
„Wann trinke oder esse ich was aus Plastikprodukten?“
„Was habe ich eigentlich alles aus Plastik in meinen Schänken?“
„Wann verschenke ich Spielzeug aus Plastik?“
Die letzte Frage kann ich schnell beantworten: Erst vor 4 Wochen habe ich 2 Plastikhunde der Serie ‚Patrol Paw’ gekauft und verschenkt, weil der Enkelsohn gerade so darauf steht. Ich fand mich noch toll, weil ich nicht alle 5 Plastikhunde der Serie gekauft habe, sondern nur ‚Marshal’ und – oh, wie hieß denn der andere?

Zwei Wochen Einkauf ohne Plastik

Geht das? Ich sage es gleich: Es geht nicht, wenn man in eine völlig leere Wohnung kommt, viel arbeiten muss und keine Zeit hat, als erstes in diverse Läden zu gehen und Erkundigungen einzuholen.

Aber ich hatte ja noch viele volle oder zumindest halbvolle Produkte in meinen Schubfächern. Toi-Papier, Gäste-Zahnbürste und Zahnpasta war auch noch vorhanden.

Außerdem kenne ich schon den tollen Laden „Stückgut“ in Ottensen. Dort gibt es alles, was die Ladenbesitzer*innen in Erfahrung bringen konnten, was ohne jegliche (!) Plastikverpackung zum Stückgut-Laden transportiert wird. Aber da fängt es schon an: Ich kaufe ja schon eine Weile dort einige Produkte Aber sollte ich lieber auf regionalen Anbau achten statt auf plastikfreie Lieferung, dafür aber vielleicht aus Übersee? worauf achtet ihr mehr?

Ich bin auch nicht bereit, 2,20€ für eine (!) Rolle Toilettenpapier auf die Tresen meines geschätzten Ladens Stückgut zu legen, dann auch noch 2-lagig, wo ich doch bisher nur wenig mehr für zehn 4-lagige Rollen bezahle. Über 2 € für eine einzige dünnhäutige Klopapierrolle? Nein, da spiele ich nicht mehr mit! Bin ich jetzt inkonsequent? Ist diese Grenzziehung blöd? Wie ist das für euch?

Ich brauche viel Zeit, um in vielen verschiedenen Läden einzukaufen

Ich gehe an manchen Tagen gerne auf den Markt in Ottensen, mal der normale Markt und an anderen Tagen auf den für Bio-Produkte. Am Sonntag kann ich im Vorraum meines Fitness-Studios beim Bauern aus Stade, also aus dem ‚Alten Landdirekt einkaufen. Ich laufe an manchen Tagen auch zu den Supermärkten mit Frische-Theken für Käse, Wurst und Fleisch, muss dort fragen, ob sie auch bereit sind, meine gewünschten Produkte in meine Tupperschüssel zu legen, das ist nicht selbstverständlich. Bei einigen muss ich den Deckel selbst auf die Dose legen, das dürfen die Angestellten nicht, aber das ist ja kein Problem. Dort finde ich auch Milch und Joghurt in Glasbehältern, wobei die allermeisten Produkte in Plastikbehältern angeboten werden, schon irre, wie schnell die Glasflaschen verdrängt wurden, schaut mal selber in euren Läden. Ich gehe an anderen Tagen auch zum Discounter, kaufe dort aber nun nur noch, was nicht in Plastik verpackt ist, dies ist bei Obst und Gemüse inzwischen gar nicht mehr so wenig, in die Milch– und Wursttheken braucht ihr gar nicht zu gucken, alles mit Plastik außer Butter in Alufolie – oder ist da auch Plastik drin?  Also einige Obst- oder Gemüsesorten gibt es in dem einen Laden, die anderen finde ich dann in anderen Läden. Wo gibt es Wein, der einem schmeckt und der unter dem Verschluss keine Plastik-Banderole hat? Oder ist dies schon wieder eine zu vergessene Nebensächlichkeit? Ich habe inzwischen mehr Fragen als Gewissheiten.

Gibt es plastikfreie Kosmetik für jede(n) von uns und können wir uns die auch leisten?

Die flüssige Zahnpasta zu 125 g aus der Flasche für 7€ finde ich bei Stückgut sehr teuer und sie schmeckt mir so wenig wie die Zahnputztabletten als Alternative, ich bin eben auch geschmacklich über lange Zeit ‚Elmex-Plastik-Tuben’ geprägt’.

In letzter Zeit habe ich noch all meine Kosmetik-Produkte in Plastikdosen oder –flaschen verpackt aufgebraucht. Gerade bin ich bei den Proben, natürliche auch in Plastik. Ich wusste gar nicht, wie viel ich davon habe, es ist eine wahre Fundgrube. Selber wenn meine Hautcreme-Dose aus Glas ist, der Deckel ist stets auf Plastik, den habe ich bisher gar nicht ‚wahrgenommen’, um dieses letzte Wort geht es wohl. Ich habe Zeit auf Suche zu gehen, seit ich pensioniert bin und nun auch der jüngste Enkelsohn für einige Stunden in die Krippe geht. Aber Berufstätige haben diese Zeit nicht, zumindest kann das niemand erwarten. Ich werde an „Viva con Aqua“ schreiben, so ein tolles Hamburger Start Up, das ein Teil des Gewinns aus dem Verkauf von Toi-Papier zum Bau von Brunnen in der ganzen Welt verwendet. Meine Hochachtung vor dem ehemaligen Fußballspieler Adrion vom HSV, der sich mit Gleichgesinnten dieser neuen Aufgabe verschrieben hat. Könnte „Viva-con-Aqua“ nicht auch Toi-Papier in Papierumhüllungen an Stückgut liefern? Bisher gibt es deren Toi-Papier nur in Plastikfolie, sollten sie bereit sein, diese Verkaufspackungen in Papier erstellen zu lassen für die Lieferung an Läden wie Stückgut, dann müssten sie bereit sein, diese größere Verpackung z. B. in Sisalsäcke u.Ä. zu stecken und diese auch in einem Lieferring wieder zurückzunehmen. Aber nur Plastikverpacktes ist gegen Regen geschützt, widerstandsfähiger als Papier und in der Herstellung vordergründig sehr billig. Alles gar nicht so einfach. Aber wie wird eigentlich Sisal hergestellt, alles ok dabei oder auch wieder fragwürdig? Noch so eine Frage, die ich nicht beantworten kann.

Ist Plastik in jedem Fall die schlechtere Wahl?

Inzwischen habe ich eine Zahnbürste, immer noch mit Plastikborsten, hat aber immerhin schon einem Bambus-Griff. In Ghana habe ich Bambus am Wegesrand in den Dörfern im Hinterland wachsen sehen, die Dorfbewohner*innen durften sich für ihren Bedarf den einen oder anderen Bambusast nehmen. Aber was bedeutet es, wenn für internationale Konzerne Bambus für Millionen von Zahnbürsten benötigt werden? Wieder eine Frage, die ich nicht beantworten kann, der aber die Politik und Umweltorganisationen nachgehen müssen und letztere sicherlich schon lange tun. Deren Ergebnisse müssen nur für alle bekannt gemacht werden. Ich habe in der „Zeit“ vom Mai 2018 gelesen, dass Bio-Gurken bewusst in einer Plastikfolie verkauft werden, um sie von den vielen anderen Gurken zu unterscheiden. Soll ich beim nächsten Einkauf nun lieber zur gespritzten Gurke kaufen, die aber nicht in Plastik verpackt ist? Das ist doch alles bescheuert. Wie geht es euch mit diesen täglichen Fragen? Ich bin auf eure Antworten gespannt.

Meine Literaturempfehlung: Glimbovski, Milena, Ohne Wenn und Abfall. Wie ich dem Verpackungswahn entkam. Kiepenheuer & Witsch, 2017.

  1. Nachtrag

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56. Ich habe meinen Enkelkindern viel zu erzählen

3. Juni 2018

Nun lebe schon bald drei Jahre in Hamburg, über vieles, was ich hier in Hamburg entdeckt und erlebt habe, habe ich auf vielfältige Art und Weise berichtet. Ich hoffe, es hat manchen gefallen.

Viele Wege bin ich in Hamburg gegangen, besonders meinen Wohnumfeld und Teile des Zentrums habe ich zu Fuß erlaufen, wobei ich noch immer nicht in allen Stadtteilen war und noch immer nicht alle Stadtbezirke aufzählen könnte. Es sind aber auch so viele.

Das Schreiben  hat viel Spaß gemacht.

Jetzt drängt es mich, andere Geschichten loszuwerden. Ich bin voll von Erinnerungen, die ich gerne meinen Enkelkindern erzählen möchte, zum Teil tu ich das auch schon, halt dem Alter angepasst. Das jüngste ist aber aber noch zu klein, das versteht meine Geschichten noch nicht, das ältere hört kurzen Geschichten schon gerne zu. Aber ich möchte, dass sie diese Geschichten auch später noch mal nachlesen können, wenn sie wollen.

Heute fange ich mit der 1. Geschichte an:

1. Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

Nachtrag

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Nr. 55: Sport ist in jedem Alter gut

26. April 2018

Eine Überschrift im Hamburger Abendblatt vom 10.11.2016 lautet:

„Mit 50 fitter als mit 30 – wie das geht“

und das passende große Bild dazu konterkariert gleich mal den gesamten Artikel: Die beiden Frauen, die dort sehr gekonnt eine Pilates-Übung zeigen, sind zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Was soll das, wenn gleich zu Beginn des langen Artikels beklagt wird, dass von den über 60-Jährigen nur 25% regelmäßig Sport treiben. Kann ich sie mit diesem Bild von jungen, durchtrainierten Sportlerinnen wirklich motivieren? Oder schauen die Leser*innen nur auf diese Seite, wenn junge, hübsche Frauen abgebildet sind?

Nun, ich gehöre zu diesen 25%, aber leicht fällt es mir nicht und der innere Schweinehund in mir ist ganz schön wirkmächtig. Alle vernünftigen Gründe für

  1. eine regelmäßige sportliche Aktivität sind mit bekannt
  2. ebenso, dass regelmäßige geistige Beschäftigung wichtig ist
  3. ich weiß auch, dass körperliche Fitness sich positiv auf mein Konzentrationsvermögen und damit auf meine intellektuelle Leistungsfähigkeit auswirkt bzw. einen möglichen Abbau im Alter verlangsamt
  4. schlank soll ich weiterhin bleiben und nicht mit jedem Lebensjahr ein wenig zunehmen
  5. eine positive Grundhaltung soll ich am Besten haben, also mein Glas nehme wirklich immer halb voll wahr, nie halb leer, und überhaupt eine positive Denkweise – da bin ich aber noch in der Übungsphase
  6. und ich soll die sozialen Kontakte pflegen, was ich auch aktiv mache, so ist mein Naturell.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen kindlicher Motorik und Intelligenz

Auch meine Enkelkinder werden nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. Während man vor einigen Jahrzehnten noch davon ausging, dass man kleinen Kindern all die Zeit geben soll, bis sie von selbst den nächsten Schritt machen, so weiß man heute über das Gehirn viel mehr.

Ich habe in den 70er Jahren am Legasthenie-Institut viel über die vermuteten Abläufe des Lernens vom Schreiben und Lesen gelernt, eine ganze Reihe neuer wissenschaftlicher Vermutungen habe ich in meiner Tätigkeit als Fachkraft für lese- und/oder rechtschreibschwache Schüler*innen im Laufe der Jahrzehnte gelernt und in Übungen mit meinen Schülern umgesetzt, manche später wegen neuer Forschungsergebnisse wieder revidieren müssen. Dank der Forschung zur künstlichen Intelligenz sind ganz nebenbei immer wieder neue Erkenntnisse für die Legasthenie-Forschung zutage getreten. Der Stand der Forschung heute sieht einen signifikanten Zusammenhang zwischen kindlicher Motorik und Intelligenz. Also war es z. B. richtig, dass meine Schüler*innen bei Laufdiktaten durch die halbe Klasse laufen mussten, was manche Eltern und auch einige Kolleg*innen nicht ganz verstanden. Aber nicht nur für Kinder, auch für erwachsene Menschen ist es gut, wenn das Gehirn viele Reize zu verarbeiten hat, desto mehr Synapsen (Verbindungen) werden gebildet und dann geschaltet. Wenn ein Kind zeigt, dass es schon sehr früh auf ein Laufrad möchte, wenn es diesen Bewegungsdrang hat, dann ist das nur gut. Dabei  trainiert es dann ganz nebenbei sein  Gleichgewicht, so dass es schon mit 4 auf einem Kinderfahrrad radeln kann, sofern es das möchte und auch ein Rad zur Verfügung steht. Dabei wiederum lernt es ja auch, wo links und rechts ist, weiß was oben und unten ist. Natürlich kann dieses Kind noch nicht am Straßenverkehr teilnehmen, dazu reicht der Blickwinkel der Augen noch nicht und auch das Verständnis über den Straßenverkehr muss noch weiter ausgebildet werden.

Aber wir lassen heute meinen 4-jährigen Enkel im Stadt- bzw. Volkspark radeln, alles ist eben, es gibt keine Autos, höchstens andere Radfahrer an den kreuzenden Sandwegen, das ist überschaubar, das kann er lernen. Ich hoffe, wenn meine Enkelkinder in die Schule kommen, dann gibt es auch endlich in ganz Hamburg die 3. Sportstunde. Vorher sollte Hamburg sich wirklich nicht Sportstadt nennen, wäre ja peinlich.

„In einem gesunden Körper ist ein gesunder Geist“ römischer Satiriker Juvenal vor ca. 1900 Jahren

  1. Nachtrag

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Nr. 54: Urlaub in Schierke besser nicht

1. April 2018

Ich habe dort Urlaub wegen seiner Nähe zu Hamburg, wegen seiner Höhe und Lage im Harz gebucht, alles am Hang des Brockens, höher gab es keine weiteren Urlaubsorte, einige Loipen für Langlauf waren geöffnet – und die Mauer zwischen der DDR und der BRD ja nun auch 28 Jahre her, eigentlich eine Ewigkeit.

Pustekuchen!

Schierke gehört zum Kreis Wernigerode,

liegt also in Sachsen-Anhalt, wie mir die Landkarte vor der Buchung zeigte. Auf der anderen Seite des Brockens kommt schon nach 8 km Braunlage, gehört zu Niedersachsen. Mir war schon klar, dass ich da in ein Grenzgebiet zwischen 2 Bundesländer fahre, vor 28 Jahren verlief dort die Grenze zwischen 2 deutschen Staaten, zwischen 2 politischen Einflussgebieten mit hochgerüsteten amerikanischen und sowjetischen Truppen auf beiden Seiten. Beide Armeen hatten auch Atomwaffen in ihrem Arsenal. Diese Armeen standen sich auf engstem Raum gegenüber, wenn ihre atomaren Arsenale zum Einsatz gekommen wären, dann gäbe es größte Teile Deutschlands, egal auf welcher Seite der Grenze, nicht mehr.

Aber zu dieser Katastrophe kam es nicht, fast 3 Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, deshalb sollte das wohl keine Rolle mehr spielen, dachte ich mir. Ich Ahnungslose!

Der Busfahrer wunderte sich, warum ich nach Schierke wollte

Der ortsansässige Busfahrer, der mich als einzigen Fahrgast vom Bahnhof Wernigerode rauf nach Schierke beförderte, überraschte mich mit der Aussage, dass Schierke ein sehr merkwürdiger Ort sei, zu DDR-Zeiten hätten hier nur SED-Partei-Kader Urlaub gemacht oder verdiente Betriebsangehörige, diese dann aber nur nach einer genauen politischen Überprüfung, war ja Sperrgebiet, der Westen total nah, die Russen oben auf dem Gipfel des Brockens und jede Republikflucht sollte unter allen Umständen verhindert werden.
West-Kontakte waren deshalb verboten, das hieß, keine Päckchen aus dem Westen, oder sie wurden, falls sie doch mal nach Schierke adressiert waren, nicht zugestellt, stattdessen wurden die Adressaten kontaktiert und unter Druck gesetzt.
Natürlich durften dann auch keine Verwandten aus dem Westen zu Besuch kommen. Aber auch Verwandte aus anderen Teilen der DDR, die z. B. zu einem Familienfest kommen wollten, mussten erst auf ihre feste DDR-Staatstreue überprüft werden. Wer will das denn in seinem Familienkreis, wer lässt das ohne Murren zu? In Grenzgebieten hat man immer Verwandte dies- und jenseits irgendwelcher nahen Grenzen, diese Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen wohnen einige km entfernt, das bedeutete dann entweder BRD oder eben DDR. Wer vor 1961 mit diesen Widerspruch in Schierke nicht leben wollte, der wird die DDR verlassen haben, bis zum 12.8.1961 war das an vielen Stellen der DDR und auf jeden Fall mit der S-Bahn über Berlin möglich oder er zog zumindest in offenere Gebiete seines DDR-Staates.

Ich hätte mir auch nie vorschreiben lassen, ob mir eine Oma 1 Päckchen zu meinem Geburtstag schicken darf und ich hätte sie im Fall des Abschickens auch nicht zum revanchistischen oder kapitalistischen Staatsfeind erklärt. Aber ich habe gut reden, ich bin ja nicht in der DDR aufgewachsen.

Aber jede*r West-Berliner*in hatte damals eine Einstellung zur DDR, ich auch

Die Eltern meiner Mutter, meine lieben und verehrten Großeltern, sahen nach der Befreiung vom Faschismus in dem anderen deutschen Staat, also in der DDR, den besseren deutschen Staat. Das war für mich als Kind immer total interessant, weil ich sonst keinen in West-Berlin kannte, der ähnlich dachte. Alle drehten den Radiosender schnell weiter, sobald der sächsische Dialekt von Walter Ulbricht, dem DDR-Chef damals, zu hören war, nur meine Großeltern saßen aufmerksam vor dem Radio und hörten zu. Wenn ich bei ihnen war, dann war mir schon als kleines Kind klar, dass ich sie jetzt lieber nicht stören sollte. Aber ansonsten war West-Berlin antikommunistisch geprägt, das änderte sich erst mit der Studentenbewegung, aber das wäre eine andere Geschichte.

Vor dem Mauerbau haben mich meine beiden älteren Halbschwestern 2 oder 3 Mal mit in ihr Dorf bei Potsdam mitgenommen, dabei gab es für Kinder gar keine Papiere, um in die DDR einreisen zu dürfen, aber wir hatten ja den gleichen Nachnamen, ich musste nur noch ihren Straßennamen einüben: „Straße der Einheit 80“. Immer wieder haben sie mich gefragt: „Wo wohnst du?“ – die gewünschte Antwort konnte ich jederzeit aufsagen.

Das Dorf meiner Halbschwestern lebte in den 50er Jahren vom Gemüseanbau und sonstiger Landwirtschaft, ein Bach floss mitten durch das Grundstück der Schwestern und trotzdem sahen die Läden karg aus und sie mussten sich anstellen für Milch und andere Grundnahrungsmittel. Ich kam aus der Stadt, aus Berlin-Kreuzberg, dort gab es alles in den Läden und bei meinen Schwestern auf dem Dorf manches nur mit abgezählten Bescheinigungen. Da kam bei mir schon mit 6 Jahren das Gefühl auf, dass da etwas nicht stimmen konnte. Aber was?

In den 70er Jahren bekam ich als West-Berlinerin wieder die Möglichkeit, Besuche in der Umgebung Berlins zu beantragen. Aber ich nahm bei Verwandtschaftsbesuchen nur noch einen fantasielosen und alles reglementierender Staat wahr, für alle freien Seelen die reinste Katastrophe. Nur wenige, z. B. Wolf Biermann, konnten das aushalten ohne daran zu verzweifeln oder daran zu zerbrechen. Ich wäre in solchen Lebensbedingungen eingegangen, mir hätte da die Luft zum Atmen gefehlt.

Mich erinnerte Schierke also an meine Kindheit und an meine Jahre als Jugendliche in meiner Geburtsstadt West-Berlin: Wir lebten ja mehr oder weniger auch in einem Sperrgebiet, genauer in einem abgesperrten Gebiet, umrahmt von Ost-Berlin und der DDR. Nach West-Berlin konnte man von West-Deutschland immer gefahrlos kommen und die Stadt auch verlassen per Flugzeug, das war damals aber nicht billig. Also mussten sehr viele nach 1961 aus der DDR nach West-Berlin-Geflüchtete, wenn sie raus aus der Stadt wollten, den damals teuren Luftweg wählen, nicht nur direkt nach der Flucht, sondern solange die DDR mit ihren Gesetzen über Republikflucht existierte. Eine günstige Bahn-, PKW- oder Busfahrt durch die DDR war für viele nicht möglich oder erschien ihnen einfach zu gefährlich. Vielen Geflüchteten gefiel dieses Leben im abgesperrten West-Berlin nicht und sie zogen weiter nach Westdeutschland.

Ich hatte keine entfernteren Verwandte in Berlin-Kreuzberg, fast alle West-Berliner Verwandten wohnten in besseren Stadtteilen und konnten kaum verstehen, warum mein Vater in dem Haus wohnen wollte, wo auf dem 2. Hof seine kleine Gewindespindelfirma ‚Schiele&Torger’ untergebracht war. Wie oft habe ich in meiner Kindheit die irritierenden Blicke gesehen, wenn ich z. B. bei Sportveranstaltungen meine Herkunft ‚Kreuzberg’ nannte. War das nicht der Bezirk, fragten sie dann, „wo der Willi die Miete mit dem Revolver kassierte?“ Heute ist das „der“ angesagte Hip-Bezirk, vor 60 Jahren brauchtest du eine Liebe zu deinem Stadtteil, um da gerne leben zu wollen und nicht irgendwo anders.

In diesem kaputten Bezirk waren auch die Alternativen gerne gesehen, oftmals auch einfach die Rettung, wer wollte denn sonst freiwillig dorthin ziehen oder dort arbeiten? Ich habe dort 31 Jahre immer sehr gerne in Kreuzberg gelebt und gearbeitet und bin dann nur wegen der Liebe zum Vater meines Kindes und meines Stiefkindes weggezogen.

Fast alle meine Verwandten außerhalb von West-Berlin habe ich aus den Augen verloren, weiß bis auf eine Ausnahme nicht mal, wo sie wohnen oder oft auch gar nicht, wie sie mit Nachnamen heißen oder hießen, ob sie Kinder haben. Die Teilung Deutschlands und dann besonders der Mauerbau hat viele Verbindungen gekappt, nicht nur bei mir.

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Aber Kreuzberg war toll, was war da nicht alles möglich!? Die Wohnungen waren spottbillig, zumindest die ohne Klo in der eigenen Wohnung, sondern eine halbe Treppe tiefer, aber eben auch zu teilen mit den Nachbarn auf dem Stockwerk. Wohngemeinschaften konnten auch eine etwas teurere große Wohnung für eine gemeinsame Bleibe mieten. Eine neue Art des Zusammenlebens konnte ausprobiert und gelebt werden, nicht immer ganz einfach, ich erwähne hier nur die unterschiedliche Sichtweise über die Küchenhygiene, aber anderseits eine tolle Möglichkeit, wenn man für neue Idee offen war und einige individuelle Bedürfnisse hintenan stellen konnte.
Kinderläden konnten für den inzwischen entstandenen Nachwuchs in verlassenen und leerstehenden ‚Tante-Emma-Läden’ gemietet und für ihre Aufgaben umgebaut werden. Den Drill der Kindergärten vergangener Tage wollten wir nicht akzeptieren. Neue Erziehungsziele konnten wir erproben, manche irgendwann dann als zu übertrieben erkennen und dann auch wieder abgelegen, aber die meisten als Bereicherung für eine neue Zeit in einem wirklich demokratischen Land ansehen. Heute erscheinen die meisten Errungenschaften der Studentenbewegung als völlig normal, manche schimpfen über die 68er, ohne zu wissen, wie arm und eingeschränkt ihr Leben ohne die Errungenschaften wäre.

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Warum habe ich mich in Schierke so unwohl gefühlt? Dort scheint das Leben nach der Maueröffnung irgendwann stehen geblieben zu sein. Die nächste Kreisstadt Wernigerode sah anders aus, hatte sich verändert, also genügend Gelder des Solidarbeitrages müssten schon in dieses Bundesland geflossen sein. Vielleicht wollte Schierke auch keine Veränderungen, was weiß ich? Hatten sie sich in Schierke nicht Gedanken über ihrer DDR-Zeit machen wollen? Vielleicht trauerten sie den scheinbar privilegierten Jahrzehnten mit Urlauben vieler SED-Größen nach? Auf mein vorsichtiges Nachfragen hörte ich einiges über die Zeit vor 1933 und dann wieder ab 1990. Mit der Lücke kam ich nicht zurecht. Kann das jemand?

Der Ort erschien mir ‚stehen geblieben’ zu sein. Wernigerode, die naheliegende Kreisstadt, war herausgeputzt, hatte nette Straßenzüge und Ecken, aber so etwas habe ich vergeblich gesucht in meinem Urlaubsort. Hier fehlte Veränderung, Erneuerung war ausgeblieben. Die Fenster-Deko war nett, aber 20 oder 30 Jahre alt. In allen Cafés gab es genau den gleichen Kuchen, angefangen bei der Brocken-Torte, die so aussah wie der Brocken und wegen der Creme-Füllung Übelkeit bei mir auslöste, bis hin zu ansonsten gleichen langweiligen Kuchen- oder Essensangebote in allen Cafés bzw. Restaurants.  Beim Abendessen habe ich 3 x versucht, Klöße zu essen statt Pommes Frites, aber es waren jedes Mal die gleichen geschmacklosen Kartoffelklöße, gibt es denn keine Kochbücher mit anderen Klöße-Rezepten? Ich bin ja auch für regionale Küche, aber bitte keine gleichen Speisekarten in allen Cafés und Restaurants, da gibt es doch mehr. Was ist da los in Schierke? – Ich verstehe es nicht.

Schierke, du siehst mich nicht mehr!

Eher buche ich ein Hotel in der schön herausgeputzten Stadt Wernigerode und fahre jeden Tag mit dem Bus zur Loipe hoch oder ich plane Ähnliches von der anderen Seite des Brockens aus, von Braunlage, auch nicht viel weiter weg, aber in Niedersachsen. Dort war ich übrigens in einem Café und habe die Eigentümerin dann für ihre ansprechende Einrichtung gelobt. Sie erzählte mir, dass mehrere Eigentümer von Hotels, Restaurants oder Cafés aus Braunlage seit Jahrzehnten versuchen, in Schierke etwas zu erwerben, aber jedes Mal war das zum Verkauf stehende Objekt schon unter den Einheimischen in Schierke vergeben worden.

Die besondere Historie Schierkes hat mich all die Tage belastet und mir meine Urlaubstage vermiest. In meinem Hotel waren an mehren Tagen nur 2-3 weitere Ehepaare anwesend. Auf meine ahnungslose Frage, ob sie auch zum 1. Mal hier seien wie ich, entgegneten sie: ‚Wir kommen schon das ganze Leben nach Schierke!’ Ach du Schreck! War der alte Herr nun ein früherer Partei-Bonze oder gar ein Stasi-Offizier? Heute sah er nett und vertrauenswürdig aus, aber was weiß ich über die DDR und die Zwänge, die dort herrschten? Ich kann das als ehemalige West-Berlinerin mit jahrelangem Einreiseverbot in die DDR gar nicht einschätzen.

Aber ich kann sagen: Ich habe mich in Schierke nicht wohl gefühlt. Diesen Ort will ich nie mehr aufsuchen. Ich will mich erholen, ich will frei sein von Zweifeln, vom Grübeln. 28 Jahre sind wohl noch viel zu wenig um Grenzen zu überwinden, oder besser noch: um sie bedeutungslos zu machen. In Schierke sind sie noch zu spüren, schade.

  1. Nachtrag

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Nr. 53: Deniz Yücel: „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“

21. Februar 2018

Ich möchte euch dieses Buch von Deniz Yücel empfehlen

Kaum war das Buch „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ angekündigt, musste ich es mir als eBook runter laden, ich wollte einfach selber lesen, wie der Journalist schreibt, um den sich seit fast einem Jahr so viele sorgten und und um den ich inzwischen auch bangte. Die Pressefreiheit gehört zu den Grundrechten, ohne die ich mir ein einigermaßen freies Leben nicht vorstellen kann.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich konnte fast nicht aufhören zu lesen, musste selbst beim Frühstück weiterlesen, so sehr hat mich Deniz Yücel‘s Stil in den Bann gezogen.

Ich würde gerne so gut schreiben können wie Deniz Yücel

Große Klasse!, sage ich als ehemalige Deutschlehrerin, die in den 70er Jahren in Berlin-Kreuzberg mit vielen türkischen Schüler*innen mit dem Unterrichten angefangen hat und es später in vergleichbaren Stadtteilen Stuttgarts und auch mal ein paar Monate in Afrika  bis 2014 fortgesetzt hat.

Diese sprachliche Gewandtheit von Deniz Yücel kann ich nur neidlos bewundern.
In zwei Kulturen aufgewachsen zu sein, hat ihn befähigt, in verschiedene Rollen zu schlüpfen wie des analytischen und scharfsichtigen Journalisten, aber ebenso auch in die eines türkischen Einwanderers, der der deutschen Sprache noch nicht so mächtig ist, sich aber eine erfrischende Sicht auf die Zustände in Deutschland bewahrt hat.

Deniz Yücel schont niemanden, weder die Deutschen mit ihren Eigenarten, denn er ist früh einer von ihnen geworden, kennt sie gut und hat trotz Eltern, die, zwar gebildet und belesen, jedoch der deutschen Sprache nie so ganz mächtig wurden, schon nach wenigen Jahren die deutsche Sprache besser beherrscht als seine alteingesessenen Mitschüler*innen.

Deniz Yücel kennt sich aus im Land seiner Eltern
Aber er ist auch Teil der türkischen Gemeinschaft geblieben, mit Wohlwollen schaut er auf all die Besonderheiten, die man entwickeln kann, wenn man auswandert und in einer anderen Kultur seinen Platz suchen muss. Ein genaues Hinschauen gepaart mit Selbstironie und einer gehörigen Portion Humor oder Nachsicht machen das möglich.

Was hatten wir bloß alles für Bundespräsidenten??!!

Wenn ich noch in der Schule ‚neue deutsche Geschichte‘ unterrichten würde, dann würde ich sicherlich auf Yücels Kapitel über die Bundespräsidenten zurückgreifen, selten so eine aussagekräftige Darstellung gefunden, knapp und auf den Punkt gebracht.

Eine gute Satire ist ihm gelungen im Kapitel mit merkwürdigen Kommentaren auf manch einen seiner Artikel in der ‚taz‘, da reiht er einen gehässigen Leserbrief an den nächsten und in der Fülle entlarven sie sich alle.

In einem Detail muss ich Deniz Yücel allerdings widersprechen

Fritz Teufel würde sich wegen des scheinbaren Niveauverlustes der ‚taz‘ nicht ‚im Grab umdrehen‘, Fritz hatte vor seinem Tod verfügt, dass er verbrannt werden will. Damit ist ein ‚Umdrehen‘ nicht mehr vorstellbar.
Wenige Monate nach seinem Tod wurde übrigens die Urne aus dem Grab entwendet und die Asche über den bekannten „Dorotheenstädtischen Friedhof“ in der Mitte Berlins verstreut, so auch über das Grab von Brecht u. A..
Na, wenn das mal nicht auch Fritz zuvor verfügt hat, es würde jedenfalls zu ihm passen, jedem Personenkult vorbeugen, sich selbst nicht so wichtig nehmen.

Fritz hätte der Titel: „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“, sehr gefallen. Er selbst saß ja auch mehrmals im Gefängnis, am längsten von 1975 bis 1980. Gleich nach seiner Inhaftierung 1975 musste ich ihm ein großes deutsch-türkisches Wörterbuch besorgen und reinschicken, viele seiner Mithäftlinge waren Türken, des Deutschen nicht so mächtig und er lernte so viel Türkisch, dass er ihnen Gerichtsbescheide und Ähnliches halbwegs erklären konnte.

Von da an unterschrieb er seine Briefe aus dem Knast nicht mehr mit Teufel, sondern mit der türkischen Übersetzung: seytan.

Aber zurück zum Journalisten Deniz Yücel:

Er ist freigekommen, sitzt nicht mehr in einem türkischen Gefängnis. Aber er bleibt in gewisser Weise eine Geisel des türkischen Staates, solange er nicht freigesprochen wird. Er ist der Journalist der Welt für die Türkei, aber wie könnte er noch dahin reisen, solange er Gefahr liefe, bis zu 18 Jahren in einem türkischen Gefängnis zu verschwinden?
Wie sicher kann er noch ins Ausland reisen, wenn die Möglichkeit besteht, dass die Türkei einen Auslieferungsantrag stellen kann? Wie kann ein Journalist da frei arbeiten???

Nr. 52: Weltnaturerbe Wattenmeer

26. Dezember 2017

 

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SPO im Dezember 2016 (Foto Bib)

Ich mache mal wieder Urlaub in St. Peter-Ording, eigentlich ein Ort, der im Winter bis auf eine tolle Therme nicht viel zu bieten hätte, wenn, ja wenn der Ort sich nicht zum Wattenmeer öffnen würde. Nur kam ich bis auf eine Ausnahme immer mit einem starken Schnupfen oder mit Halsschmerzen her und damit war ein Besuch der Thermen tabu, aber wenigstens hat mich die Seeluft jedes Mal von der Erkältung kuriert. Aber 1 x kam ich total gesund an und bin frohen Mutes zur Therme, aber da war sie zu einer gründlichen Überholung geschlossen. Ich gebe aber nicht auf und komme mindestens so oft her, bis ich auch die Therme mal kennenlernen kann.

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Pfahlbauten von SPO (Foto von Bib)

Die berühmten Wahrzeichen von St. Peter-Ording sind aber nicht im Ort zu finden, sondern vor der Haustür im Wattenmeer: die Pfahlbauten

Da hier immer wieder mit Sturmfluten zu rechnen ist, hat sich eine besondere Bauweise für notwendige Gebäude im Wattenmeer durchgesetzt: die Pfahlbauten.
Wie hoch hier eine Sturmflut werden kann, kann man ablesen an der Höhe der Pfähle.

Die eigentlichen Gebäude haben eine massive Holzkonstruktion als Unterbau, deren einzelne Pfeiler nach Jahren der Nutzung im Salzwasser einzeln ausgetauscht werden können. Bei Ebbe bin ich schon zwischen der ganzen imposanten Stelzen-Konstruktion herumgelaufen und habe die Gebäude von unten betrachtet.

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Sanitärhaus (Foto 2016 von Bib)

Wenn diese Pfahlbauten früher für den Fischfang und die Seenotrettung gebaut wurden, so sind sie inzwischen erstellt worden für die Badeaufsicht, die Strandkorbvermietung, für die Gastronomie und natürlich auch für so profane Dinge wie Sanitäranlagen.

 

Wobei das niemand gering schätzen sollte, ich weiß noch, welche Probleme wir bei unserem Watershed-Besuch im Hinterland von Maharastra in Indien wegen den fehlenden Sanitäranlagen hatten.

 

Was bedeutet dieser von der UNESCO verliehene Titel „Welt-Natur-Erbe“?

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Strand von SPO im Dez. 2016 (Foto Bib

Nun, es darf nach der Verleihung nicht mehr neu in die Natur eingegriffen werden, sie soll sich so entwickeln dürfen, wie sie es ohne Eingriffe des Menschen von sich aus machen würde. Natürlich müssen die witterungsanfälligen Holzplanken der langen Stege über das Wattenmeer immer mal wieder erneuert werden, aber neue Wege werden nicht mehr genehmigt.

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Die Dünen dürfen überhaupt nicht mehr betreten werden, die Tiere sollen dort nicht gestört werden, auch nicht durch freilaufende Hunde, aber nicht alle Hundebesitzer halten sich dran.

Ich habe keineswegs vor zu heiraten, dafür fehlt mir als erstes ein Mann, aber den geeigneten Platz wüsste ich schon: den Leuchtturm Westerhever

Wie wichtig der Schutz der Schifffahrt ist, zeigt der nördlich von SPO gelegene Leuchtturm Westerhever, der Anfang des letzten Jahrhunderts auf einer 4 m hoch aufgeschütteten Warft errichtet wurde. Bei guter Sicht können ihn nachts die Schiffe schon 50 km weit sehen. Heute wohnt kein Leuchtturmwärter mehr in dem Turm, die Beleuchtung läuft automatisch, dafür sind in den Häusern am Fuß des Turms Nationalpark-Schutzstationen.

Mal ist das Meer da, dann wieder nicht – und wir Menschen haben keinen Einfluss darauf!

Seit den jährlichen Sommer-Urlauben mit meinen Eltern in meiner Kindheit faszinieren mich die Gezeiten, heute vielleicht sogar noch mehr, nachdem sich mein ganzes Leben überwiegend in der Stadt abgespielt hat.

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Skiten (Foto von Bib 2016)

Schon bei normalem Wetter sind die Einwirkungen der Natur heftig: Die Gezeiten, also Ebbe und Flut, wechseln sich täglich in einem bestimmten Zeitraum ab. Bei Ebbe zieht sich das Wasser hier extrem weit zurück, weiter als an den anderen Nordseestränden, sorglos kann man diese Strände für eine Weile nutzen, Sport treiben, z. B. Strandsegeln oder ‚kiten‘. Manche lieben gerade diese Weite, andere mögen es gar nicht, dass sie bei Ebbe fast kilometerweit bis zum Schwimmen in der Nordsee laufen müssten.

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Ein Sportler auf dem Weg zum Kiten. (Foto 2016 von Bib)

 

Wenn die Flut kommt, dann kann es schnell für jeden Uninformierten gefährlich werden, denn der Tidenhub, also der Höhen-Unterschied zwischen dem Hoch- und dem Niedrigwasser, beträgt 2 Meter, d.h. bei Hochwasser geraten riesige Flächen unter Wasser. Alle hier Lebenden kennen die sich täglich um ca. eine Stunde verschiebenden Zeiten von Ebbe und Flut, jahrhundertelang haben sie das Leben der Menschen hier bestimmt.

Harmlos erscheinen einem bei Ebbe die Priele, aber sie haben es in sich

 

 

Im Wattenmeer, was bei Ebbe gut zu durchlaufen ist, dann aber bei Flut weit unter Wasser steht, gibt es auch gezeitenabhängige Flüsse, Priele genannt.

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ein Priel (Foto von Bib 2016)

Ein Priel kann also mal relativ flach sein, aber eben dann auch tief und mit einer ungewöhnlich starken Strömung. Ich weiß, warum ich bei Ebbe nicht von Cuxhaven nach Neuwerk, einer im Wattenmeer zu Hamburg gehörenden Insel laufen wollte. Selbst mit gesunden Knien hätte mich mein Respekt vor den Gezeiten und den gefährlichen Prielen von diesem Tripp abgehalten. Ich habe die Kutschfahrt mit einem erfahrenen Wagenlenker vorgezogen.

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Dünen im Wattenmeer von SPO (Foto Bib)

Ich kann hier alle Stadien von Dünen sehen, angefangen bei der Primärdüne bis zur Graudüne

Eine neue Düne entsteht, wenn Wind über nackte Sandflächen weht oder Wasserströme neuen Sand bringen. Wind trocknet diesen dann und kann ihn, wenn er leichter geworden ist, weiter landeinwärts wehen, bis dieser Sand irgendwo hängen bleibt, meist im Windschatten eines Hindernisses, z. B. einer Muschel oder einer Pflanze. Ist der Sand so „zur Ruhe gekommen“, kann sich Sandhafer auf ihm ansiedeln und ihn schließlich mit seinen Wurzeln auch bei stärkerem Wind festhalten. Siedeln sich immer mehr Pflanzen an, so reichert sich dadurch Humus im Boden an und aus der Primärdüne wird eine Weißdüne und nach längerer Zeit eine Graudüne, alles ohne Menschenhand. Jede Art von Düne hat die für sie typischen Pflanzen – klingt doch einfach und ist gleichzeitig ein Wunder der Natur, oder?

 

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Schilf  (Foto von Bib 2017)

Schilf ist mir ja auch auf dem Festland bekannt von vielen Seeufern

Uns begegnet Schilf meistens an feuchten Seeufern, doch hier an der Nordseeküste kann das Schilf mit anderen Qualitäten punkten, es kann mehrere Meter lange Wurzeln bilden und kommt so selbst in den trockenen Dünen hier an das notwendige süße Grundwasser ran.

Jeder Gegend ihre Käfer

Die Abholzung großer Bäume rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof konnte eine Weile hinausgezögert werden, weil dort in den Bäumen ein sehr seltener Käfer lebte. Hier im Wattenmeer lebt der Salzkäfer, auch ‚Prächtiger Salzkäfer’ genannt, an den Küsten der Nordsee ebenso zu finden wie z. B. im Mittelmeerraum, an der dt. Ostseeküste nicht, warum auch immer.

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Himmel über SPO im Dezember 2016 (Foto Bib)

Gras

Mich zieht es hier täglich ins Wattenmeer, nicht nur des Windes wegen, sondern auch, weil ich ständig Neues entdecken kann. So alltägliche Pflanzen wie z. B. das Gras haben es mir hier angetan, nun, nicht das Gras auf dem angelegten Rasen, sondern das Gras im Sand der Sanddünen und der Vorderdünen, Binsenquecke genannt. Sie blüht unscheinbar in den Sommermonaten, hat aber keine attraktiven Blüten, braucht sie nicht, weil sie keine Insekten zur Bestäubung anlocken muss, der Wind besorgt dieses Geschäft. Dafür ist sie fast unverwüstlich im wahrsten Sinne des Wortes, ich meine, sie verträgt Übersandung und hält sogar Flugsand aus. Wird es der Binsenquecke zu trocken, dann hat es die Natur so eingerichtet, dass sie sich einrollen kann und damit weniger Fläche zur Verdunstung zur Verfügung steht, irre. Läuft es für sie optimal, dann kann sie bis zu 80 cm hoch werden in diesem rauen und wechselhaften Klima.

  1. Nachtrag

Wer meine Webseite aufruft, erklärt sich damit automatisch einverstanden, dass sich Cookies öffnen. Eine neue EU-Richtlinie zwingt mich dazu, dies mitzuteilen. Bei manchen wird auch automatisch von WordPress ab und zu am Ende eines Beitrages von mir eine Werbung eingeblendet. Darauf habe ich keinen Einfluss und bin dafür auch nicht verantwortlich.

 

Nr. 51: Leihen statt kaufen – ist sinnvoll und voller Überraschungen

5. Dezember 2017

Ich finde Carsharing toll, besitze auch kein Auto mehr, habe Kleidung auf Zeit vergleichbar dem Ausleihen von Büchern in der Bücherhalle und überlege, was sich sonst noch alles zum Teilen anbietet.

Kleidung auf Zeit 

In meinem Blogbeitrag Nr. 39: Mode leihen statt kaufen habe ich berichtet, dass ich inzwischen bei der „, Kleiderei“,-  www.kleiderei.com – in Hamburg gegründet von den 2 tollen Frauen Pola Fendel und Thekla Wilkening, Mitglied/Kundin bin, d.h. dass ich mir seither jeden Monat 4 Kleidungsstücke schicken lasse, sie 1 Monat trage, sofern sie mir gefallen, und dann im gleichen Karton – wieder so ein kleiner nachhaltiger Gedanke – nach dieser Zeitspanne zusammen mit meinem Feedback zurückschicke. Ich habe mir ein Jahr zum Ausprobieren dieses Konzepts zugestanden, ist ja nicht umsonst, kostet monatlich, wenn ich mir Kleider leihe. Aber dafür spare ich auch Ausgaben, habe eine Bremse für Spontankäufe, die ja oft auch Fehlkäufe sind, wenn ich/wir ehrlich bin/sind. Die  Statistik sagt, dass 30% der Kleidungsstücke bei uns in den Kleiderschränken nicht oder kaum genutzt werden. Es bleiben aber für mich noch genug Artikel zum Selberkaufen wie die Basics, ebenso die gesamte ‚Underwear‘, ebenso alles, was genau auf die eigene Figur zugeschnitten sein muss, wozu die Hosen gehören. Aber auch die in einer Saison täglich genutzten  Kleidungsstücke wie Wintermäntel bietet die ‚Kleiderei‚ nicht oder selten zum Ausleihen an, die kaufe ich mir selber.
Fast am wichtigsten für mich ist aber, dass mein eigener Kleiderschrank für meine Garderobe ausreicht, ich auch gar keinen Platz für einen zweiten hätte, denn auch in der Wohnungsgröße habe ich mich ja bewusst beschränkt, genau genommen habe ich meine Wohnungsgröße bewusst halbiert, das reicht völlig und es fühlt sich nach wie vor richtig an. Jetzt habe ich dafür keine Askese, sondern mit der ‚Kleiderei‘ einen „neverending Kleiderschrank“ gewählt.

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Manchmal haben mir in den letzten Monaten nur 2 der 4 zugesandten Kleidungstücke gefallen oder ich hatte einfach keine Verwendung für das Tragen bestimmter Stücke. Aber im Dezemberkarton waren wieder mal 4 Stücke, die mir alle ohne Wenn und Aber gefallen haben und die ich alle tragen werde.

Ich mag Neues, ich will auch jenseits der 60 noch in der Mode experimentieren, gerade jetzt, wo ich keine Rücksicht mehr nehmen muss auf meinen Beruf als Lehrerin in der Schule oder als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule, denn dort sollte es bitte nicht so kurz und auch nicht so ausgefallen sein.

Ich mag es, Kleidung zugeschickt zu bekommen und damit auch mal anders auszusehen. Manche extravagante Jacke hätte ich mir nie gekauft, aber sie nun ab und zu in einem bestimmten Zeitraum zu tragen, ja, das mache ich gerne. Es ist zweifelsfrei auch Konsum auf hohem Niveau, aber es hat eine kleine nachhaltige Variante: Zumindest verhindere ich, dass ein Kleidungsstück in meinem Schrank versauert, fast ungenutzt bleibt, das ist ja gar nicht selten, sind wir doch mal ehrlich. Auf der anderen Seite möchte auch ich  ab und zu schön gekleidet sein, heute, morgen übermorgen. Für das Spielen mit Neuem habe ich hoffentlich noch viel Zeit, für den dezenten zurückhaltenden Look kann ich mir ja dann später noch Zeit nehmen oder wenn das ausfallen sollte, auch ok.

Wow! Durch das Leihen bin ich Teil des Sharings, horte nicht, sondern gebe im Monatszyklus wieder ab. Die einzelnen Kleidungsstücke stehen in der Zeit, in der sie uns gefallen, mehr Frauen zur Verfügung, sie haben quasi eine intensiv genutzte Lebensdauer.

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Bei jedem Hotelaufenthalt weiß ich, dass schon viele andere in genau derselben Bettwäsche geschlafen haben, natürlich dazwischen gründlich gewaschen und gebügelt. Sollte ich mir jetzt Gedanken machen, wer vielleicht vor mir auch schon Gefallen an diesem Pulli gefunden hat? Nein, wichtig ist mir, keinen neuen Kreislauf der Kleiderproduktion in Gang zu setzen: Ich leihe mir einen Teil meiner Sachen, vor und nach mir tragen andere diese Stücke, und – ich wiederhole mich – natürlich neu gereinigt. Ich habe damit überhaupt kein Problem und wer welche damit hat, soll mir bitte mal erklären, was das für ein Problem sein soll, wenn im Januar eine andere Frau diesen Pulli nach einer gründlichen Reinigung trägt. Am Ende dieses Blogs hat jede(r) die Möglichkeit, gleich spontan zu antworten, eh eine viel zu selten genutzte Gelegenheit. Ich schlafe doch auch im Hotel in Bettwäsche, in der gereinigt zig andere Gäste vor und nach mir geschlafen haben oder schlafen werden. Ist das nicht viel intimer als ein Pulli?

Doch ich möchte auf die konkrete Aktion, dem Ausleihen von Kleidungsstücken bei der Hamburger Firma ‚Kleiderei‘ zurückkommen: Mit jeder Kundin – oh, auch jedem Kunden(?) – werden die bei der ‚Kleiderei‘ geliehenen Kleidungsstücke häufiger genutzt  und gleichzeitig wird vermutlich die individuelle Anschaffung neuer Kleidungsstücke bei jeder Kundin hinausgezögert. Bestimmte Kleider einfach nur für einen Monat zu leihen und sie dann wieder dem Kreislauf zur Verfügung zu stellen, erscheint mir inzwischen ganz vernünftig und im gewissen Sinne auch nachhaltig. Nein, nach vielen Monaten im Jahr 2017 erscheint mir das Gegenteil unsinnig, gegen jede Vernunft sprechend und  auch altmodisch. Carsharing-Fahrerinnen müssten eigentlich der ‚Kleiderei‘ und ähnlichen Unternehmungen die Tür einrennen.

Manche neuen Trends gefallen mir, ich habe in der Vergangenheit auch oft genug mehr als ein Stück davon erworben, aber Trends wechseln heute viel schneller als früher, bald gefällt es mir dann schon nicht mehr. Aber nun leihe ich und gebe nach kurzer Zeit zurück! Wäre das nicht in unserer schnelllebigen Zeit die richtige Antwort?! Wenn das viele machen würden, dann gäbe es einen Ruck durch unsere Konsumwelt:

  • Weniger gekauft, aber besser gekleidet,
  • nicht mehr so viel wie bisher angeschaffen, aber trotzdem ab und zu überraschend und ungewohnt gekleidet,
  • weniger ausgeben, aber zufriedener mit den eigenen & geliehenen Kleidungsstücken im Schrank,
  • kein schlechtes Gewissen, da weniger sinnlose Anschaffungen, aber trotzdem immer eine gute Auswahl,
  • kein Konsumwahn, sondern Ausleihen und Zurückgeben von Kleidungsstücken im Monatsrhythmus,
  • ab und zu als Leihgabe Designerstücke, die ich sonst kaum kennen und würde und mir u. U. auch nicht leisten möchte.

Einige von den folgenden Marken hatte ich auch schon zur Verfügung: Black Velvet Circus,   Ethel Vaughn, fremdformat, JAN’ NJUNE, Lanius, Lies in Layers, Musswessels oder Nusum – und dies alles bei einem Monatsbeitrag von 34 €.

Faire und nachhaltige Produktion – fairer Handel – fairer Konsum

Ich habe so gut wie keinen Einfluss darauf, ob die Mode fair produziert wird, die Menschen bei der Herstellung keinen Schaden nehmen und angemessen bezahlt werden. Aber ich habe inzwischen die Möglichkeit zu entscheiden, ob der Konsum verrückt, umweltschädlich oder in gewissem Sinne überlegt und sogar etwas nachhaltig abläuft. Natürlich muss ich mich noch mehr bemühen, weniger zu konsumieren, aber ich bin auf dem Weg.